Dienstag, 12. Juni 2018

Die dunkelsten Stunden

In meiner bis dahin dunkelsten Stunde, als jene mich verließen, die mich mein Leben lang begleitet hatten, war die Essstörung etwas, das mir niemand nehmen konnte.
Ich konnte entscheiden ob ich essen mag oder nicht, ob ich viel wiegen möchte, oder weniger, 
ob ich Menschen an mich heran lasse, oder mir die Essstörung vorgaukeln konnte, 
sie sei wichtiger als jene.
Sie konnte die Leere füllen, die der Tod eines Menschen, einer Freundschaft und einer Liebe mit sich brachte.
Ich konnte gut darin sein mich selbst zu vergessen, den Schmerz des Verlustes mit dem Schmerz des Hungers zu übertünchen. 
Ich konnte gut sein im Außen, gut sein in Pflichten. 
Ich konnte gut sein im Wenigerwerden und Aufmerksamkeit bekommen. 
Ich konnte scheinbar, mit Hilfe der Essstörung, in allem besser sein, als im Trauern und Akzeptieren des Verlustes.
Lange bewahrte mich diese "Welt" vor der grausamen Realität. Sie schützte meine innere, verletzte Kinderseele. Sie schützte mich vor überwältigenden Gefühlen.
Doch irgendwann sickerte die Realität durch und gewann mein Unbewusstes. 
Ich konnte plötzlich nicht mehr.
Ich konnte nicht mehr gut sein im Außen, nicht mehr verdrängen, nicht mehr ignorieren, nicht mehr scheinbar stark sein. 
Diese selbst konstruierte Welt brach zusammen und zum Vorschein kam, was all' die Jahre gut verborgen in meinem Innersten schlummerte.
Es gab kein Zurück mehr. Was nun bewusst war, hatte keinen Platz mehr, in meiner "schönen" essgestörten Welt. 
Nicht nur der Tod war jetzt präsenter als je zuvor, sondern auch mein Selbst. 
Mein Körper gab auf, meine Seele hatte es schon längst.
Meine dunkelsten Stunden endeten nicht mit dem Tod, es folgten noch viele weitere. 
Ein erbitterter, innerlicher Kampf gegen mich selbst begann.
Ich wollte meine Scheinwelt nicht verlassen, nicht denken, nicht reden, aber auch nicht schweigen.
Ich wollte nicht mehr dem "alten Ich" begegnen, mit all' dem was es erlebt hatte. 
Ich wollte weg. Ich wollte meinen Körper verlassen, meine Gedanken zum Schweigen bringen und die inneren Bilder verbrennen. Ich wollte rennen und schreien und weinen, aber nicht mehr das ansehen, was mich so verletzt hatte. Ich wehrte mich gegen mich selbst.
Es folgten viele Zusammenbrüche, die der, so gut verdrängten Realität geschuldet sind. 
Und dann musste ich!
Ich musste anfangen mich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. 
Ich musste mich mit meinem schwachen Körper und meiner gebrochenen Seele auseinandersetzen. 
Jetzt hatte ich nicht nur den Tod zu verarbeiten, sondern alles, was so sicher unter dem Deckmantel der Essstörung verborgen war, und nach vielen Jahren an die Oberfläche gelang.
Ich musste mein inneres Kind und mein, inzwischen erwachsenes Ich, neu kennenlernen und akzeptieren, dass die Zeit dazwischen irgendwie nur halb gelebte, und dennoch verstrichene Zeit ist. 

Lauri <3

2 Kommentare:

  1. Ich finde das Bewusstsein um verlorene Zeit immer am schlimmsten. Als würden wir die ersten Jahrzehnte unsres Lebens damit verbringen, rauszufinden wie wir die wenige Zeit, die uns Menschen hier vergönnt ist, bestmöglich nutzen und jede Sekunde ausLEBEN. Es war sehr stark und mutig von dir, es durch diese Zeit zu schaffen und dich dann auch noch bewusst allem Passierten zu stellen.

    Zu deinem Kommentar... Ja, im Großen und Ganzen glaube ich, dass es gerade vorwärts geht, danke. Was das Aufgehen angeht, nein, es ist genau dss Gegenteil. Mein Körper war lange Zeit so geschädigt von der Esstörung, dass ich ein kontrolliertes Essverhalten beibehalten MUSSTE, ganz egal wie gesund meine Gedanken diesbezüglich schon waren und ich die Diagnose gar nicht mehr hatte. Das schränkte die Entwicklung zu einem völlig normalen Essverhalten extrem ein und triggerte teils auch, worunter die Lebensqualität litt. Jetzt bin ich endlich befreit von der Essensüberwachung und darf wohl zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, ohne Kontrolle von Essstörung und Ärzten meinen Alltag gestalten. Was den Sport angeht, bin ich Hochleistungssportler und da ist es besser den Körper gleich an das Pensum gewöhnt zu lassen, weil sonst die Gefahr besteht, dass ich zu viel abnehme, wenn ich es wieder steigere.
    Alles Liebe (:

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  2. Dankeschön, das ist lieb von dir (:
    Ich hab gelesen, dass du jetzt ohne Therapie auskommen musst, wie geht es dir denn inzwischen damit?

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